Die Erlanger Sammlung Mathematischer Modelle

Die Sammlung Mathematischer Modelle der Universität Erlangen-Nürnberg geht auf Felix Klein zurück, der 1872 als Professor der Mathematik an die hiesige Universität berufen wurde. Sie gilt als erste Lehrsammlung dieser Art in Deutschland.

Mathematische Modelle geben abstrakten Inhalten eine Form. Die meisten der Erlanger Modelle veranschaulichen geometrische Sachverhalte. In der Mehrzahl bestehen sie aus Gips, einige wenige aus Holz, Karton oder aus Draht, Faden und Messing.

Ihre Blütezeit erlebten solche Modelle im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als man sich an vielen Hochschulen um mehr Anschaulichkeit in der universitären Ausbildung bemühte. Ab den 1920er Jahren verloren die Modelle zunehmend an Bedeutung. Zu den ökonomischen Gründen ihres langsamen Verschwindens trat eine immer abstrakter werdende Mathematik mit veränderten Erkenntnisinteressen und Vermittlungsabsichten. Die anschaulichen geometrischen Gebilde gerieten darüber vielerorts in Vergessenheit.

So auch in Erlangen. Erst mit dem Umzug der zwei mathematischen Institute in das Felix-Klein-Gebäude kam ein Teil der bereits verloren geglaubten Lehrmittel wieder zum Vorschein. Die Sammlung umfasst heute noch etwa 170 Objekte, die zum großen Teil in den öffentlichen Vitrinen des Felix-Klein-Gebäudes dauerhaft ausgestellt sind.

Zu Felix Klein

Felix Klein zählt zu den bedeutendsten Mathematikern des 19. Jahrhunderts. Er wurde 1872 im Alter von nur 23 Jahren an die Erlanger Universität berufen, die er zwei Jahre später wieder verließ. Schon in seiner Antrittsvorlesung betonte Klein die Notwendigkeit eines auf Anschaulichkeit und Selbsttätigkeit ausgerichteten Unterrichts.

Nach Auffassung Kleins konnte das in der Mathematik benötigte Abstraktionsvermögen nur durch eine „lebendige mathematische Anschauung“ geschult werden. Für die von ihm veranstalteten „Uebungen im geometrischen Zeichnen und Modellieren“ ließ er eigens einen Zeichensaal sowie die ursprüngliche Modellsammlung einrichten.

Geformtes Wissen

Mathematische Modelle geben abstrakten Inhalten eine Form. Sie verkörpern dabei ganz unterschiedliche Wissenskulturen. Handwerkliche Fertigkeiten, materielle Moden oder auch zeitgenössische Sehgewohnheiten waren für ihre Entstehung genauso bedeutsam wie die damaligen Konventionen und Konjunkturen der mathematischen Forschung.

Die meisten der Erlanger Modelle veranschaulichen geometrische Sachverhalte. In der Mehrzahl bestehen sie aus Gips, einige wenige aus Holz, Karton oder auch aus Draht, Faden und Messing. Die Modelle wurden anfänglich in Handarbeit gefertigt, nicht selten von den Studierenden selbst. Später übernahmen gewerbliche Betriebe die Herstellung und vertrieben ganze Modellserien, deren Erwerb durchaus kostspielig war.

Krise und Konjunktur

Der Staub, den mathematische Modelle in den Jahrzehnten ihrer Bedeutungslosigkeit angesammelt haben, scheint heute vielerorts gebannt. Neue technische Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung ließen nicht nur ein Interesse an virtuellen, sondern auch an materiellen mathematischen Modellen wieder aufleben. An manchen Universitäten wie in Berlin, Dresden oder Göttingen haben die Modelle zurück in den aktuellen Lehrbetrieb gefunden.

Als Anschauungsobjekte zur Vermittlung geometrischer Kenntnisse haben sie nichts an Wert verloren. Als historische Sachzeugen repräsentieren solche Modelle zudem einen Teil der Universitätsgeschichte und dokumentieren - überaus anschaulich - einen historischen Stand der Mathematik.

Abstraktion und Ästhetik

Mathematische Modelle vermögen fast zuverlässig die Aufmerksamkeit ihrer Betrachter zu binden. Die Faszination, die sie auch heute noch auszulösen im Stande sind, verdankt sich ihrem ästhetischen Reiz. Nicht ohne Grund traten mathematische Modelle auch in der modernen und zeitgenössischen Kunst wiederholt als Motive und Ausstellungsobjekte in Erscheinung, etwa im Konstruktivismus oder Surrealismus.

Ihre Ästhetik und die hohe handwerkliche Kunst ihrer Herstellung lassen sie zudem bisweilen selbst als Kunstwerke erscheinen.