Navigation

DE/EN

Karpfenrede

 

Tischrede zum Karpfenessen der Naturwissenschaftlichen Fakultäten

Karpfenessen

der drei

Naturwissenschaftlichen Fakultäten

am Freitag, 27. Februar 1998, 19.30 Uhr
in der Fischküche Förster
Hauptstr. 9, 91096 Möhrendorf

Peter Knabner

(Nat. Fak. I)

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren,

als Anfang Oktober letzten Jahres mir von meinem Vorgänger Herrn Kollegen Schulz die Amtsgeschäfte übergeben wurden, fiel auch beiläufig die Bemerkung „ … und übrigens müssen Sie ja auch die nächste Karpfenrede halten„.

Mir war sofort bewußt, daß es sich dabei um die voraussichtlich größte Herausforderung meines Dekanats handeln würde und ich tat damit, was man mit allen schwerwiegenden Problemen tut – ich schob es beiseite.

Da aber leider im Gegensatz zu anderen öffentlichen Bereichen bekanntlich im universitären Leben Probleme nicht durch Aussitzen gelöst werden, kam der Tag heran, wo mich Frau Karg sanft daraufhinwies, daß doch nun die Einladung zum Karpfenessen erfolgen sollte. Die Karpfenrede hatte damit bedingte Realität erreicht, aber ich tröstete mich mit der Vorstellung, daß noch viel Zeit sei an eben dieser Rede zu arbeiten.

Das Studium der Reden meiner Vorgänger machte mir allerdings immer mehr klar, daß die feinsten Verästelungen dieses Gegenstandes schon ausgeschöpft waren und da eben der Karpfen insbesondere als mathematisches Objekt nicht soviel hergibt, wandelte sich meine Zuversicht immer mehr in Verzweiflung.

Sie, meine Damen und Herren als Kenner der Tradition der Karpfenrede, haben sicherlich längst erkannt, daß ich mich tatsächlich schon mitten in der Karpfenrede befinde, die, wie alle geistigen Aktivitäten mit Tradition, offensichtlich eine gewisse Formalisierung erreicht hat und dazu gehört folgender Aufbau:

  1. Klage über die Unmöglichkeit einer neuen originellen Karpfenrede,
  2. Beschreibung des erheblichen geistigen Aufwands, der zur Erstellung dieser Rede nötig war,
  3. die eigentliche Karpfenrede,

und von diesen drei Punkten habe ich nun schon die ersten beiden erledigt, also habe ich nur noch den Punkt drei vor mir, die eigentliche Karpfenrede.

In völliger Überschätzung meiner Fähigkeiten stellte ich mein Unterfangen unter das Motto, wie es sich in William Shakespeares Hamlet (II. Akt, 1. Szene) findet, wo (in der Übersetzung von Erich Fried) Polonius sagt:

 So also, seht ihr, fängt der Lügenköder Euch den Wahrheitskarpfen.

Als erstes versuchte ich mich mit dem Thema Der Karpfen und die Wissenschaft. Nicht, daß dazu nicht unendlich viel zu sagen wäre, gerade im Bezug auf aktuelle Forschung: So stieß ich mehrfach auf den Themenbereich Gentechnologie, zu dem die Autoren je nach Position als Wunschvorstellung oder als Horrorvision den Turbokarpfen vorstellten, der zukünftig durch die Übertragung menschlicher Wachstumsgene auf Karpfen – oder war es gerade umgekehrt? – entstehen sollte. Aber da ich davon gewiß nichts verstehe und auch Ihren Appetit nicht beeinträchtigen möchte, habe ich dieses Thema nicht weiter vertieft und mußte feststellen, daß ich vielleicht doch zu dem gewähltem Thema einem so informiertem Publikum, wie dem heutigen, nichts Neues nahebringen könnte.

Höchstens vielleicht den Kollegen Alfred Karpfen. Hier aber handelt es sich nicht um den Helden eines Kinderbuchs, sondern, wie vielleicht einige von Ihnen wissen, um einen Chemiker an der Universität Wien, der sich unter anderem mit Quantenchemie von Molekülen und Polymeren beschäftigt. Wenn Sie sich jetzt gerade fragen, was der Sinn dieser letzten Bemerkung war, so seien Sie versichert, es gibt keinen, außer dem vielleicht, einem weiteren unabdingbaren Stilmerkmal einer Karpfenrede Genüge zu tun, nämlich dem Einbringen eines oder mehrere Kalauer. – Ein weiterer wird noch folgen. – Ein zusätzlicher Sinn besteht aber auch darin, den ersehnten Bezug des Karpfens zur Mathematik herzustellen, findet sich doch im Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien die Veranstaltung „Übungen zur Theoretischen Chemie I, Block I (Karpfen): Mathematische Grundlagen, Vektoranalysis, lineare Algebra“.

Als nächstes wandte ich mich dem Thema Der Karpfen in Literatur und Kunst zu. Hier ragt natürlich das bekannte Gedicht von Heinrich Seidel Das Huhn und der Karpfen, das uns schon Kollege Geyer in seiner Rede nahe gebracht hat, einsam hervor.

Daß aber sonst der Karpfen eine so aktive Rolle einnimmt, ist die Ausnahme. Eine solche Ausnahme ist Fritz Karpfen – ich konnte leider nicht recherchieren, ob er mit Alfred Karpfen verwandt ist, – der durch sein zu Recht vergessenes Buch Der Kitsch. Eine Studie über die Entartung der Kunst (mit 34 Abbildungen, Hamburg Weltbund 1925. 106 Seiten und Tafelanhang) hervorgetreten ist. Aber noch bei seinen besorgten Äußerungen über die Zukunft der Kunst verleugnet er seine Herkunft durchaus nicht.

Und darum wird der Kitsch erst dann von unserem Planeten verschwinden, wenn das Tempo des Lebens, die Rotationskraft der Zeit so rasend geworden ist, daß die Lauen und Schleimigen in das Nichts geschleudert werden.

Um das Ergebnis meiner Studien sonst vorwegzunehmen, der Karpfen kommt einfach nicht gut weg. Natürlich: Rechnet man zur Literatur all die Kochbücher oder Fischereihandbücher dazu, so hat man unzählige hymnische Äußerungen von Karpfenliebhabern zur Verfügung, und daß Karpfen gut schmeckt, soll hier auch gar nicht in Abrede gestellt werden. Wenn es aber um das Verhalten und den Charakter des Karpfens geht, sind unsere Schriftsteller doch eher kritisch.

Insbesondere in der Kinderbuchliteratur gibt es natürlich verschiedene Geschichten, alle mit dem Handlungsgerüst „Weihnachtskarpfen wird gekauft, Karpfen wird in die Badewanne gesetzt, niemand bringt es über’s Herz ihn zu töten, Karpfen wird in den Teich ausgesetzt.“ Aber wie sieht es darüberhinaus aus?

Gern hätte ich Ihnen ein Zitat aus dem 55. Zykel des Titan von unserem fränkischen Lokalmatador Jean Paul nahegebracht, wo vom

Zappeln … wie stilliegende Karpfen mit den poetischen Flossen und Flügeln

die Rede ist. Da ich aber den Auszug trotz intensivsten Nachdenkens nicht verstand, lasse ich das lieber.

Etwas klarer, letztlich noch am positivsten, heißt es bei Karl May in seiner autobiographischen Erzählung Weihnacht !

 …ein fleißiger und ernster Junge, pflegte er außer mit mir nicht viel zu sprechen und wurde deshalb Cyprinus Carpio, kurzweg „Carpio“ genannt, weil Karpfen bekanntlich auch nicht gern viele Worte machen.

Eindeutig negativ wird der Karpfen z. B. dann in Gottfried Kellers Die Leute von Seldwyla gesehen oder in Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra (im Tanzlied).

Endgültig aufgeklärt über den Charakter des Karpfens werden wir in  von Gerdt von Basewitz, wo es heißt bei der Beschreibung des Flugs von Peterchen, Anneliese und dem Maikäfer Sumsemann über einen See: Und die dummen Karpfen, die dort wohnten, glotzten durch das Wasser sehr erstaunt. O…, dachte der Karpfen-Ur-Ur-Großpapa, das sind aber ein paar seltsame Enten, die da oben flattern. Er hielt alles, was in der Luft flog, für Enten, 500 Jahre war er alt, aber schrecklich dumm, weil er fast immer schlief. O…o…, dachten die anderen Karpfen, soviel hatten sie schon lange nicht gedacht und von der Anstrengung schwitzten sie große Luftblasen, die stiegen im Wasser hoch wie kleine Perlen und schon flogen die drei Abenteurer über den Wald hin.Peterchens Mondfahrt

Ich würde gerne noch einen positiven mit der Wesensart des Karpfen verbundenem Charakter Ihnen nahe bringen, konnte aber einen solchen nicht finden, da ich vermute, daß Sie auch bei allem Wohlwollen dem fränkischen Dialekt gegenüber John Irving’s Roman The World According to Garp, auf deutsch Garp und wie er die Welt sah in diesem Zusammenhang wohl nicht gelten lassen werden.

Leider fallen auch unsere Politiker in diese negative Sichtweise des Karpfens ein. Während jedes Jahr von einem Staatssekretär die mittelfränkische Karpfensaison mit scheinheiligen Worten eröffnet wird, zeigt sich doch die wahre Haltung dem Karpfen als Charakter gegenüber in einer Äußerung, die am 2.6.1997 in der Hamburger Morgenpost zu lesen war. Dort hieß es in einem Artikel mit dem Titel Gold-Fieber: Wie krank ist die Bonner Koalition? Krisengipfel um Haushalt, Steuern, Soli-Abbau / Die FDP droht mit Bruch.

Ich zitiere:

FDP-Chef Wolfgang Gerhardt betonte, es bleibe  bei der Absenkung des Soli. Er sei aber zuversichtlich, daß die Union die Koalitionsbeschlüsse einhalte, schließlich gehe es dabei um „wichtige Identitätsgesichtspunkte“ der FDP. Rüder Konter von CSU-Gruppenchef Glos: Er könne „die Selbstmorddrohungen der FDP“ nicht ernst nehmen. „Das ist, als wenn ein Karpfen droht sich an Land zu schmeißen.“

Ich glaube wir können nur einen Schluß aus all diesen Zitaten ziehen: Der Karpfen verdient es einfach nichts anderes als aufgegessen zu werden. Bevor wir dies aber tun, möchte ich doch noch einmal versuchen den Bezug zur Mathematik herzustellen, allerdings nur zur Schulmathematik, es soll auch nicht zu schwierig sein. In einer Aufgabe für die 8. Klasse, die unter der Überschrift „Hier kann die ganze Familie miträtseln, teste deine Eltern“ von einem Mannheimer Gymnasium dargeboten wurde, heißt es:

 

Am Stammtisch im „Alten Karpfen“ wird wieder einmal Anglerlatein erzählt:

Vater Nicolai mit seinem Sohn und Vater Peter mit seinem Sohn waren angeln. Die Anzahl der Karpfen, die Nicolai geangelt hat, endet mit der Ziffer 2, die seines Sohnes mit der Ziffer 3, die von Peter ebenfalls mit 3 und die seines Sohnes mit 4. Die Summe der Anzahlen aller Fische, die sie insgesamt geangelt haben, ist die Quadratzahl einer natürlichen Zahl. Ein Fremder, der dabeisitzt, meint, das könne gar nicht stimmen. Erkläre, warum nicht. Nicolai aber schwört alle Eide, daß jedes Wort wahr ist. Darauf sagt der Fremde: In Ordnung, jetzt aber weiß ich, wie dein Sohn heißt. Wie heißt der Sohn von Vater Nicolai? (mit Begründung)

Ich möchte nicht in die Unsitte verfallen, Ihnen dies als Hausaufgabe zu stellen. Wer sich aber für die Lösung interessiert, kann bei mir eine Musterlösung anfordern (oder seinen Tischnachbar von der Mathematik um Aufklärung bitten).

Ich muß doch noch einmal auf den Bezug zur Literatur zurückkommen. Ich wünsche Ihnen nämlich, daß Ihnen nicht das passiert, was Heinrich Heine im 3. Teil seiner Reisebilder beschreibt:

Aber auch die Lebensklugheit gebietet uns höflich zu sein, und nicht verdrießlich zu schweigen, oder gar Verdrießliches zu erwidern, wenn irgendein schwammiger Kommerzienrat oder dürrer Käsekrämer sich zu uns setzt, und ein allgemein europäisches Gespräch anfängt mit den Worten: „Es ist heute eine schöne Witterung.“ Man kann nicht wissen, wie man mit einem solchen Philister wieder zusammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintränken, daß wir nicht höflich geantwortet: „Die Witterung ist sehr schön.“ Es kann sich sogar fügen, lieber Leser, daß du zu Kassel an der Table d’Hôte neben besagtem Philister zu sitzen kömmst, und zwar an seine linke Seite, und er ist just der Mann, der die Schlüssel mit braunen Karpfen vor sich stehen hat und lustig austeilt; – hat er nun eine alte Pike auf dich, dann reicht er die Teller immer rechtsherum, so daß auch nicht das kleinste Schwanzstückchen für dich übrigbleibt. Denn ach! du bist just der dreizehnte bei Tisch, welches immer bedenklich ist, wenn man links neben dem Trancheur sitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden. Und keine Karpfen bekommen, ist ein großes Übel; nächst dem Verlust der Nationalkokarde vielleicht das größte. Der Philister, der dir dieses Übel bereitet, verhöhnt dich noch obendrein, und offeriert dir die Lorbeeren, die in der braunen Soße liegengeblieben; – ach! was helfen einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabei sind! – und der Philister blinzelt dann mit den Äuglein, und kichert und lispelt: „Es ist heute eine schöne Witterung.“.

Ich bin mir aber sicher, daß Ihnen dies heute alles erspart bleiben wird und wünsche insgesamt einen Guten Appetit!